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Dr. Rein­hard Stahl betreut Kran­ke im Auf­fang­la­ger Schöp­pin­gen „Jedes Schick­sal hat ein Gesicht“

Für Dr. Rein­hard Stahl haben die Men­schen, die von der Flücht­lings­dra­ma­tik betrof­fen sind, ein Gesicht. So lernt der All­ge­mein­me­di­zi­ner vie­le indi­vi­du­el­le Ein­zel­schick­sa­le wäh­rend sei­ner Sprech­stun­den in der Asyl­be­wer­ber­un­ter­kunft in Schöppingen 

Zwei mal in der Woche hält Dr. Rein­hard Stahl Sprech­stun­den im Über­gangs­la­ger in Schöp­pin­gen ab. Dort trifft der All­ge­mein­me­di­zi­ner aus der Burg­manns­stadt oft auf trau­ma­ti­sier­te Flücht­lin­ge, die Asyl in Deutsch­land suchen. „Die­se Men­schen brau­chen unse­re unein­ge­schränk­te Soli­da­ri­tät,“ betont der Grü­ne Ratsherr.

Dr. Rein­hard Stahl weiß, was Angst, Trau­er, Ver­zweif­lung und Wut bedeu­ten. In den Gesich­tern sei­ner Pati­en­ten kann er die­se Gefüh­le lesen. Die Fol­gen von Fol­ter, Krieg und ande­ren Schre­cken schla­gen sich auch in kör­per­li­chen Sym­pto­men nie­der, mit denen der All­ge­mein­me­di­zi­ner aus Horst­mar bei sei­nen regel­mä­ßi­gen Sprech­stun­den im Auf­nah­me­la­ger in Schöp­pin­gen kon­fron­tiert wird. Dort behan­delt der 50-jäh­ri­ge Arzt schon seit Jah­ren die Flücht­lin­ge aus Kriegs­ge­bie­ten und kri­sen­ge­schüt­tel­ten Län­dern, die Asyl in Deutsch­land suchen.

„Vie­le der Men­schen sind trau­ma­ti­siert“, weiß der gebür­ti­ge Nord­hor­ner aus Erfah­rung, der gemein­sam mit Armin Sark­hosh, Fach­arzt für Inne­re Medi­zin, im Haus Eichen­wald an der König­stra­ße in Horst­mar prak­ti­ziert. Jeden Diens­tag- und Don­ners­tag­nach­mit­tag fährt der drei­fa­che Fami­li­en­va­ter zum Auf­nah­me­la­ger nach Schöp­pin­gen. In der dor­ti­gen Kran­ken­sta­ti­on hält Dr. Rein­hard Stahl Sprech­stun­den ab.

Gehe es nur um leich­te Beschwer­den, wie bei­spiels­wei­se einen Schnup­fen oder Hus­ten, küm­mer­ten sich die vor Ort arbei­ten­den Kran­ken­schwes­tern um die Pati­en­ten. Han­de­le es sich jedoch um schwe­re­re Fäl­le, käme er zum Ein­satz. Weit­rei­chen­de Dia­gnos­tik und Behand­lun­gen sei­en vor Ort aller­dings nicht mög­lich, denn das gäbe die Aus­stat­tung der klei­nen Kran­ken­sta­ti­on nicht her. So über­wei­se er vie­le der Erkrank­ten an Fach­ärz­te und Spe­zia­lis­ten außer­halb der Ein­rich­tung. Um die Ver­let­zun­gen der See­le küm­mern sich Psy­cho­lo­gen, die direkt vor Ort im Ein­satz sind. Umfang­rei­che The­ra­pien sei­en aber erst mög­lich, wenn die Asyl­su­chen­den in ihre zuge­wie­se­nen Orte kämen.

„Ich habe hier in Horst­mar auch schon mal Men­schen wie­der­ge­trof­fen, die ich in Schöp­pin­gen ken­nen­ge­lernt habe“, berich­tet der Arzt von bewe­gen­den Begeg­nun­gen, die ihn auch dazu antrei­ben, sich für Flücht­lin­ge, Migran­ten und Asyl­su­chen­de ein­zu­set­zen. So ist er schon seit jun­gen Jah­ren Mit­glied der Ver­ei­ne „Pro Asyl“ und der „Inter­na­tio­na­len Versöhnungsabende“.

Dass ihm das Schick­sal ande­rer Men­schen nicht egal ist, zeigt auch sein Enga­ge­ment für Kin­der in Indi­en. So wur­de auf Initia­ti­ve sei­ner Fami­lie vor Jah­ren die Horst­ma­rer Grup­pe „Nava Jee­van“ gegrün­det, die Kin­der­ar­beit bekämpft und gera­de ihr vier­tes Pro­jekt gestar­tet hat.

„Wir dür­fen nicht immer nur das Geld sehen, das die­se Men­schen kos­ten“, fühlt sich das Mit­glied von Bünd­nis 90/Die Grü­nen zur huma­ni­tä­ren Hil­fe ver­pflich­tet. Schließ­lich sei Deutsch­land ein rei­ches Land und auf Dau­er auf den Zuzug von gera­de jun­gen Men­schen ange­wie­sen. Dass die­se aus ande­ren Kul­tu­ren kom­men, emp­fin­det er nicht als Last, son­dern als eine Bereicherung.

Als uner­träg­lich bezeich­net der All­ge­mein­me­di­zi­ner es, dass auf­grund der Abschot­tungs­po­li­tik Euro­pas vie­le Men­schen im Mit­tel­meer ertrin­ken, weil sie kei­ne siche­ren Flucht­kor­ri­do­re zum Bei­spiel nach Deutsch­land hät­ten. Zudem kri­ti­siert er, dass die Bun­des­re­gie­rung sich wei­gert, mehr Flücht­lin­ge aus Syri­en aufzunehmen.

„Die gesamt­ge­sell­schaft­li­che Auf­ga­be huma­ni­tä­re Hil­fe zu leis­ten, steht nicht in Fra­ge. Ich möch­te aber nicht uner­wähnt las­sen, dass die dies­be­züg­li­chen finan­zi­el­len und per­so­nel­len Anstren­gun­gen der Stadt Horst­mar weit über das Maß des­sen hin­aus­ge­hen, was für eine Grö­ße unse­rer Kom­mu­ne erträg­lich ist“, zitiert Dr. Stahl einen Satz aus der Haus­halts­re­de von Bür­ger­meis­ter Robert Wen­king wäh­rend der Ein­brin­gung des Etats, über den er sich sehr geär­gert hat.

„Ich bin da ande­rer Mei­nung“, betont Stahl. Schließ­lich han­de­le es sich um hilfs­be­dürf­ti­ge Men­schen, die aus einer Not­la­ge geflo­hen sei­en und auf die Soli­da­ri­tät von Men­schen, denen es bes­ser gehe, ange­wie­sen sei­en. Hin­ter jeder Flücht­lings­dra­ma­tik stän­den indi­vi­du­el­le Ein­zel­schick­sa­le, vor denen nie­mand die Augen ver­schlie­ßen soll­te. „Jedes Schick­sal hat ein Gesicht“, gibt der Grü­ne, des­sen Vor­bild Mahat­ma Gan­dhi ist, zu bedenken.

Von Sabi­ne Nies­tert  22.02.2014 West­fä­li­sche Nachrichten